Im Jahre 1996 arbeitete bei der Stadtranderholung der Mitarbeiter Willi Salveter, der für die Teamer und Betreuer der Stadtranderholung eine Historie zur Stadtranderholung verfasste. Hier Auszüge aus seinem Bericht:

Willi Salveter

70 Jahre Stadtranderholung - Nur "Brot und Spiele"?

Vom Kampf gegen materielle Not zur Aktion gegen soziokulturelle Verarmung
Wie alles begann: Raus aus der Stadt und hinein in die Natur

Um die Jahrhundertwende setzte eine breite Kultur- und Zivilisationskritik ein. Die negativen Folgen der schnellen Industrialisierung mit Umweltverschmutzung, Verlust des Großfamilienverbandes, Tausch der ländlich-natürlichen Umgebung gegen die urban-steinerne Städtelandschaft wurden den Menschen bewußt. Es setzte eine allgemeine Sehnsucht nach Rückgewinnung des verlorenen "Idylls" ein. Das Land als Hort der Unschuld, des gesunden Lebens, des Jungbrunnens wurde der Stadt als Stätte der Verderbnis, düsterer Zukunftsaussichten und krankmachender Umwelteinflüsse gegenübergestellt.

 Am Anfang stand die pure materielle Not

Gleichzeitig war die Not der Ärmsten in der Stadt so groß, daß die Stadt Ludwigshafen sich im Jahr 1900 gezwungen sah, eine Ferienkolonie für körperlich nicht genügend entwickelte Kinder einzurichten. So ging's also los: Die ersten je 20 Mädchen und Jungen wurden nacheinander (! man schrieb 1900) hinaus in die gute Luft geschickt. Interessanterweise wurde den Mädchen insgesamt ein größeres Erholungsbedürfnis von den Ärzten bescheinigt, so daß ihr Anteil späterhin doppelt so hoch ausfiel wie der der Jungen. Die Aktion hatte einen durchschlagenden Erfolg und wurde trotz schwierigster finanzieller Situation der Stadt in den folgenden Jahren zu mehreren Kolonien, darunter auch das heute noch als Landschulheim fungierende Schülerlnnenheim Ramsen, ausgebaut. Die Leitung der Kolonien übernahmen neben Mitgliedern des Schulausschusses sowie einigen Lehrkräften jeweils 2 Ärztinnen, was den hohen Stellenwert des gesundheitlichen Aspektes der Maßnahme verdeutlicht.

Kampf gegen Hunger und TBC

Der gesundheitliche Aspekt stand auch im Vordergrund bei der Maßnahme, die als die Geburtsstunde der STRE bezeichnet werden darf. Die Schwestern der 1921 gegründeten Säuglings- und Kleinkinderfürsorge stellten unter der Leitung von Frau Dr. Elisabeth Jäcki bei ihren Hausbesuchen immer wieder fest, daß besonders die älteren Kleinkinder an deutlichem Untergewicht litten. In den beengten Verhältnissen der Arbeiterfamilien - oft "hauste" eine Familie mit mehr als fünf Kindern in einem dunklen Zimmer - grassierte besonders die damals tödliche TBC. Rachitische Kinder waren aufgrund des Vitamin C Mangels und fehlenden Lichts keine Seltenheit.

Die STRE wird geboren - im Ebertpark

Um die Abwehrkräfte der besonders betroffenen Kinder vor ihrem Schuleintritt zu stärken, regte der damalige Wohlfahrtsdezernent und spätere zweite hauptamtliche Bürgermeister Paul Kleefoot (SPD) im Jahre 1926 die Einrichtung einer Erholungsstätte an einem schattigen Plätzchen im Ebertpark an. Die Stadt ließ eine offene Halle mit Küche, Schränken, Waschräumen und Toilette bauen.

Es sollten dort die Kinder aufgenommen werden, die aufgrund fehlender Kleidung nicht an den auswärtigen Erholungsmaßnahmen teilnehmen konnten. Mit der Durchführung der Maßnahme wurde die Städtische Säuglings- und Kleinkinderfürsorge beauftragt.

Bei drei Mahlzeiten am Tag mit viel Obst legten die rachitischen Kinder regelmäßig einiges an Gewicht, Frische und Wohlbefinden zu. Zu den Kur(!)maßnahmen zählten neben dem Aufenthalt in freier Luft eine genau geregelte Tageseinteilung: morgendliche Turnübungen, eine halbstündige Ruhepause vor dem Essen mit Liegekur und eine eineinhalbstündige Schlafenszeit nach dem Essen. Etwa 100 Kinder wurden täglich von einer Kinderschwester, einer Kindergärtnerin und 4 Helferinnen betreut.

Zwischen 1933 und 45 ruhte diese Maßnahme beziehungsweise wurde in die nationalsozialistischen Kinder- und Jugendeinrichtungen integriert.

Elend und Hunger in der Nachkriegszeit bilden Antrieb zur Wiederaufnahme

Gleich nach dem Krieg wurde die Aktion wieder ins Leben gerufen, um die am schlimmsten von Hunger und Elend betroffenen Kinder zu kräftigen. 1946 wurde die Ferienkolonie in Ramsen wieder fortgesetzt, und in der Villa  Aumann in Altrip konnten sich im vierzehntägigen Rhythmus etwa 50 Kinder erholen, die dafür sogar vom Schulbesuch befreit wurden.

1949 und 1950 organisierte der Stadtjugendring eine Erholung zugunsten der Kinder aus bombengeschädigten Stadtteilen, von alleinstehenden Müttern, aus kinderreichen und wirtschaftlich schlecht gestellten Familien. 50 Kinder konnten sich in der Waldmühle bei Neuhofen erholen. Pädagogen benötigte man dabei nicht, waren die Eltern doch einfach froh, daß ihre Kinder mit drei Mahlzeiten am Tag versorgt wurden.

Das Stadtjugendamt Ludwigshafen übernimmt die Initiative

1950 übernahm das Stadtjugendamt in enger Zusammenarbeit mit den freien Wohlfahrtsverbänden - Arbeiterwohlfahrt, Caritas, evangelischer Gemeindedienst die Organisation der Kindererholungsmaßnahme.

Durch den Einsatz des damaligen Oberbürgermeisters Valentin Bauer wurde die Ferienmaßnahme  in  eigener  Initiative  weiterentwickelt.  Ludwigshafens Stadtranderholung - in Zusammenarbeit mit den freien Wohlfahrtsverbänden - hatte über lange Zeit nicht nur in Rheinland-Pfalz Modellcharakter.

Der damalige Stadtjugendpfleger Fritz Kern (1950 bis 73 im Amt) trug sich durch seinen Einsatz den Beinamen ,"Vater der Stadtranderholung" ein. Zentrum der Aktivitäten war Anfang der 50er Jahre vor allem der Oggersheimer Stadtpark und die dortige Festhalle. Aber auch der Ebertpark und die Blies wurden genutzt.

Die Blies konsolidiert sich als der zukünftige Standort der STRE

1952 wurde mit dem Bau einer Küche, Halle und Toilette an der Blies begonnen, und 1953 fand die erste Stadtranderholung an der Großen Blies statt. Als sich die Blies als endgültiger Standort der Stadtranderholung konsolidiert hatte, gab es einen zunehmenden Ausbau des Geländes: Spielgeräte, Planschbecken, ein Bolzplatz, eine Schlechtwetterhalle und 1960 ein Schwimmbad kamen hinzu. Um 1960 kamen etwa 2400 (!) Kinder jeden Sommer an die Blies. Im Mittelpunkt stand trotz besserer Ausstattung der Maßnahme immer noch die körperliche Erholung und das Austoben im Freien.

Heute zeigt sich der Hunger in verändertem Gewand

Hat sich die wirtschaftliche Situation selbst der ärmsten Familien allmählich verbessert und bietet die Stadt in ihrer Komplexität einen wichtigen Lernraum für die Kinder, so hat sich doch ein grundlegender sozio-kultureller Wandel vollzogen, innerhalb dessen sich für die Kinder vieles Wesentliche zu ihrem Nachteil verändert hat. Ihre eigene Spielkultur, die sich früher auf den Straßen, in freien Plätzen zwischen den bebauten Flächen, in kleinen Waldstücken, in Hinterhöfen, auf Speichern etc. abspielte, wird bis heute immer mehr zurückgedrängt. Das Auto hat die Straße erobert, städtischer Raum ist nur mehr zu .knappem Wirtschaftsraum geworden. Nischen, in denen die Kinder Entdeckungen machen können, verschwinden. Die Möglichkeiten der sterilen Spielreservate, die nur auf bestimmte Spielaktivitäten hin gebaut sind, sind schnell ausgeschöpft. Kinder gut gestellter Eltern werden mit Erwachsenen-Aktivitäten wie Tennisspielen, Ballet, Flötenunterricht etc., alles dreimal die Woche, zu "kreativen" Wunderkindern verbildet, während Kinder am sozial äußeren Rand in der an Anregung verarmten vorstädtischen Betonlandschaft weder Phantasie noch Lust auf Spiel entwickeln können. Dazu kommt das wachsende Ruhebedürfnis der stetig mehr gestreßten Erwachsenen, die das natürlicherweise oft laute Spielen der Kinder mit zeitlicher Begrenzung zu belegen trachten. Da scheint die letzte Rückzugsmöglichkeit Fernsehen, Gameboy und Videospiele zu sein. Alleingelassen mit Bildern, die sie nicht verdauen können, üben die Kinder mechanisch zu wiederholende Handlungen in den Spielen der Firma Nintendo aus. Ihr Spiel-und Erlebnisimpuls, ihre Phantasietätigkeit und kreatives Vermögen sind am Ende auf bloße Rückenmarksreaktionen reduziert.

Kinder brauchen aber phantasieanregende Umgebungen, sie brauchen realitätsnahe Räume, in denen sie in gemischtaltrigen Gruppen gemeinsame Abenteuer bestehen und die vorhandene erwachsenengemachte Umwelt erkunden. Sie müssen Grenzen austasten, sich gegenseitig beweisen, innere Positionskämpfe in Gruppen ausfechten, um ihre Persönlichkeit herauszubilden und Ich-Stärke zu entwickeln.

Die STRE als "Hebamme" für die Persönlichkeitsentwicklung


In diesem Zusammenhang veränderte sich auch das Selbstverständnis der STRE grundlegend. Seit den siebziger Jahren stellt sie den Versuch dar, kindliche Lebenswelt im städtischen Kontext wiederherzustellen. Emanzipatorisch-pädagogische Aspekte traten in den Vordergrund. Das Erlernen demokratischen und eigenverantwortlichen Handelns, die Bereitschaft zur Erlebnis- und Konfliktfähigkeit sollen seither bei den Angeboten der STRE gefördert werden. Diese anspruchsvolle pädagogische Zielsetzung führte zu einer Verminderung der Kinderzahl auf etwa 1000 im Jahr bei gleichzeitiger Zunahme der beschäftigten Fachkräfte.

Auch der Werkbereich wurde seither kontinuierlich ausgebaut. Der seit 1974 bei der Stadt tätige Kunstmaler und Pädagoge Manfred Graf übernahm im Jahr 1978 die Leitung der neu gegründeten "Offenen Werkstatt". Diese sollte künftig für die Durchführung der STRE verantwortlich zeichnen. Heute können die Kinder aufgrund der fachkundig geführten Werkstatt nahezu mit allen Materialien und Techniken an der STRE arbeiten.

Manfred Graf setzte konsequent den Anspruch der ästhetischen Erziehung durch, die im Gegensatz zur musischen Bildung nicht dabei stehen bleibt, den Kindern nur Fähigkeiten und Techniken zu vermitteln, ihre Begabungen zu fördern. Es geht ihr darum, Informationen, Wissen und Werte zu vermitteln, die unmittelbar mit der sozialen und kulturellen Wirklichkeit zusammenhängen.

Innerhalb einer großangelegten Spielaktion haben nun die Kinder die Möglichkeit, in unterschiedlichsten Workshops - Theater, Tanz, Film, Schmuckherstellung, Ökologie etc. - durch ihren eigenen kreativen Beitrag ein allen gemeinsames übergreifendes Thema zu verwirklichen. Die pädagogischen Mitarbeiter fungieren dabei als eine Art Hebamme. Sie geben die wichtigen Impulse und Anregungen, die einen schöpferischen Prozeß bei den Kindern einleiten. Dabei stellen sie Material sowie Methoden und Techniken zur Verfügung, die die Kinder zur Durchführung ihrer Vorhaben benötigen.

Im Zuge dieser Entwicklung wurde auch das Sportprogramm weiter ausgebaut. Von 1977 bis 1991 gab es drei Sportteamer, die dem im langen Schuljahr gebremsten Bewegungsdrang der Kinder zu seiner Entfaltung verhalfen. Die Kinder konnten sowohl Sport- wie auch Schwimmabzeichen erwerben.

Weiterhin haben die Kinder jedes Jahr die Möglichkeit, im angrenzenden Verkehrsgarten ihre Kompetenzen im Straßenverkehr zu erweitern, was einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Sicherheit im Alltag darstellt.

Um einer "Verinselung" auf dem STRE-Gelände entgegenzuwirken, werden von den Workshops zu bestimmten Themen vermehrt Exkursionen in die Umgebung unternommen.

Zur Sicherung der fachlichen Kompetenz der pädagogischen Mitarbeiter wurden seit 1975 Schulungen für die Betreuer und Betreuerinnen durchgeführt, Praktikanten und Praktikantinnen stehen unter regelmäßiger Supervision.

Seit 1974 werden verstärkt die Eltern miteinbezogen. Damals fand das erste Kinder-Eltem-Fest statt, bei dem die Eltern sowohl das Ferienzentrum an der Blies kennenlernen können, wie auch die Arbeiten ihrer Kinder bewundern.