Bericht von Sandra Jantzer, Praktikantin bei der Stadtranderholung 2004:

Sandra Jantzer

Die Stadtranderholung findet nunmehr seit 1953 jährlich "auf der grünen Wiese" an der Blies statt. Das Angebot entstand ursprünglich aus der Not heraus.

Schon im Jahre 1900 organisierte die Stadt Ludwigshafen erstmals eine Ferienkolonie für körperlich unterentwickelte Kinder, die sich in der Natur erholen sollten.

Der gesundheitliche Aspekt stand dabei im Vordergrund.

Im Lauf der Zeit haben sich seither die Angebote an der STRE verändert. Die Gesellschaft und somit Kinder, Eltern, Betreuer und Organisatoren, sowie die Struktur der Stadt selbst befinden sich in einem stetigen Wandel. Pädagogische Konzepte und Ziele wurden entwickelt und sollen umgesetzt werden.

Als Berufspraktikantin der Sozialpädagogik bei der Stadt Ludwigshafen im Bereich Jugendförderung erlebe ich die Organisation der STRE 2004 hautnah mit und war neugierig, wie Zeitzeugen aus eigenem Erleben heraus die Entwicklung dokumentieren würden, zumal die Stadtranderholung derzeit von Einsparungen betroffen ist.

Der Aufruf an die Bevölkerung, über eigene Erlebnisse zu berichten löste eine Welle von Anrufen und Briefen aus. Mit einem derartigen Ansturm an Informationen und der enormen Mitteilungsbereitschaft der Bürger hätte wohl niemand gerechnet.

Die vielfältigen Erfahrungen können daher leider nicht alle wiedergegeben werden.

Ich möchte mich aber bei allen Berichterstattern recht herzlich für die Angaben und Fotos bedanken!

Anhand der zum Teil recht emotionalen Schilderungen, die auch den kulturellen Aspekt der STRE betonen, entstand der folgende Querschnitt durch die vergangenen Jahrzehnte:

Die Nachkriegszeit der 50er und 60er Jahre wurde überwiegend als intensive Gemeinschafts- und Naturerfahrung geschildert.

Eine ehemalige Teilnehmerin, die jedoch aufgrund Ihrer persönlichen Situation anonym bleiben möchte, berichtet: "Mein Vater kam spät aus dem Krieg zurück. Meine Eltern hatten einen kleinen Familienbetrieb und wenig Geld. Sie waren froh, ihren Kinder für zwei Wochen etwas Abwechslung bieten zu können."

Von unvergeßlichen Erinnerungen berichtet auch Familie F., die in zwei Generationen an der STRE vertreten war. Mutter Marianne war einst als Betreuerin tätig, während ihre drei Kinder ebenfalls die Ferien auf dem Gelände an der Blies genossen. "Die guten Erfahrungen wurden bei uns quasi in der Familie vererbt" betont Tochter Annette, die noch heute den Geschmack des dampfenden Kabas und der Frühstücksbrötchen nicht vergessen hat.

Die Kinder der 60er Jahre erinnern sich gerne an Kreisspiele im Freien und Gesellschaftsspiele in den Hallen wenn es regnete, den Verkehrsgarten und das gemeinsame Abschlußfest der verschiedenen Altersgruppen mit Wurst schnappen. Workshops im heutigen Sinn gab es damals noch keine. Dafür erzählen die Interviewten von Fußball, Singen und Bastelangeboten.

Ein eher unangenehmes Erlebnis schildert Frau Maria K: "Am ersten Tag bekamen wir alle Nummern umgehängt und ich konnte meine nicht finden. Das war schlimm. Für mich war die Stadtranderholung damals keine schöne Erfahrung. Die Betreuer waren streng und die Abgrenzung der Gruppen untereinander gefiel mir nicht, da man mit Freunden aus anderen Gruppen kaum zu tun hatte." Frau K. berichtet weiter: "Als mein Sohn 1987 zur STRE wollte, riet ich ihm zunächst davon ab, entschied mich dann aber seinem Wunsch nachzugeben und selbst als Betreuerin teilzunehmen. Es hatte sich viel verändert und ich war angenehm überrascht."

Frau Gerda G., die zwischen den Jahren 1960 und 1965 einige Male als Betreuerin an der STRE mitarbeitete erzählt: "Herr Kern war damals Chef der STRE und Bürgermeister Janson im Amt. Als Betreuerinnen kamen Hausfrauen und Lehrerpraktikantinnen. Die Kinder waren dankbar und es gab einen guten Zusammenhalt in den Gruppen. Ich erinnere mich noch daran, wie die Mädchen Blumenkränze flochten. Bürgermeister Janson organisierte ein Abschlußfest für die Betreuer, bei dem ein Liebesfilm gezeigt wurde. Es gab Abendessen und getanzt wurde auch. Das war ein sehr schönes Fest."

In den 70er und 80er Jahren sei das Gelände noch größer und schöner gewesen als heute, werde ich belehrt. Den "Umzug" von den Backsteingebäuden in die heutigen Großraumzelte beurteilen viele Ehemalige als Qualitätseinbuße.

Angelika K., die in den 70ern Teilnehmerin und später selbst Sportteamerin an der STRE war, musste einst gemeinsam mit ihren zwei Brüdern dem Sommerspaß beiwohnen, da ihre Mutter berufstätig war und sich nicht die ganzen Ferien über um die drei Geschwister kümmern konnte. Sie berichtet: "Bei mir war Zwang dahinter, da meine Mutter eben arbeiten mußte. Was ich als negativ empfand, war der aufgezwungene Mittagsschlaf. Die kleinen Kinder blieben in den Hallen, die größeren lagen auf der Wiese. Später wurde es etwas gelockert und wir durften Karten spielen. Insgesamt habe ich positive Erlebnisse." Den Gruppenzusammenhalt empfand Frau K. früher als stärker da die Gruppen gemeinsam an Aktionen teilnahmen. Sie gibt uns den Tip auch heute noch mehr Zusammenhalt zu fördern. Außerdem hält sie Einsparungsmaßnahmen für bedenklich, da es wichtig sei, daß die Kinder in den Ferien betreut sind, schon wegen der vielen berufstätigen und allein erziehenden Mütter.

Auch Marion B., die ebenfalls in den 70ern teilnahm, stellt die Relevanz der STRE für berufstätige Eltern in den Vordergrund. Außerdem betont sie Bedeutung der Stadtranderholung als einen Teil der Stadtkultur in Ludwigshafen.

Silke L., die in den 80er Jahren die Ferien auf dem Bliesgelände verbrachte, weiß von Kinovorführungen zu berichten und erinnert sich mit Freude an den Film: "Wie der Maulwurf zu seiner Hose kam".

Es wurde – typisch 80er Jahre – gebatikt und es gab "Quenchy" in großen Kannen zu trinken. "In der angrenzenden Blies-Schule konnte man derzeit ein Sportabzeichen erwerben. Den Verkehrsgarten gab es noch immer und er wurde gerne mit Gokarts befahren", erzählt Frau L.

Christine K., die auch in den 80er Jahren Teilnehmerin war fand das Motto besonders spannend: "Es wurde eine Stadt aufgebaut mit Geschäften, Handwerk und Handel. In den Workshops konnte man weben und andere handwerkliche Tätigkeiten ausüben."

Die vielfältigen Erfahrungen der Zeitzeugen haben mir gezeigt, daß die STRE ein Stück Kulturgut der Stadt darstellt. Auf der grünen Wiese an der Blies wird schon seit Jahrzehnten gespielt, getobt, gefeiert, geweint und gelacht. Mit einem Wort gelebt.

Gerade die Anfänge wurden von den Berichterstattern als sehr intensiv geschildert.

Die Zeit schreitet voran, die Gesellschaft verändert sich.

Auch und gerade heute scheint es aber nötig zu sein, den Ludwigshafener "Stadtkindern" ein Stück "grüne Wiese" in ihren Sommerferien zu bieten, auf der sie mit anderen zusammen und in der Natur Erfahrungen sammeln können, von denen sie vielleicht auch in 50 Jahren noch erzählen werden.